Die digitale Gesellschaft – ein Besuch bei Sascha Lobo
Die Einen sagen, wir sind längst in der digitalen Gesellschaft angekommen. Die Anderen sehen uns auf dem unausweichlichen Weg dahin. Egal, ob wir zur ersten oder zweiten Fraktion gehören, Fakt ist: Social Media ist aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Facebook, Twitter, Flickr – (fast) jeder von uns kennt diese Namen, die zu wahren Weltmarken avanciert sind. Und das sind längst nicht alle. Das Internet fungiert dabei als ein Abbild der digitalen Gesellschaft und nicht nur ein Medium. Es ist sozusagen die digitale Fußgängerzone, in der bisweilen auch Höchstgeschwindigkeiten erreicht werden. Somit bildet das Internet die umfassende Klammer der digitalen Gesellschaft. Die digitale Öffentlichkeit im Social Web spielt dabei eine große Rolle und deren große Relevanz spiegelt sich auch verstärkt in den klassischen Medien wider.
Viele Unternehmen haben den Beat der Zeit erkannt. Und viele fragen sich: Machen wir nun mit oder nicht? Ist das gut oder schlecht? Wie gehen wir an das Thema richtig ran?
Wir haben uns umgehört und wollten Informationen aus erster Hand. Dazu haben wir Sascha Lobo, einen der führenden Social Media-Experten Deutschlands, besucht. „Die Kenntnis der einzelnen Tools und Kanäle ist nicht das Wichtigste. Vielmehr müssen Unternehmen ein Verständnis für und eine klare Haltung zu Social Media beziehen“, erklärt Sascha Lobo.
Die Heranführung an die Thematik wird anhand ausgewählter Social Media Thesen von Sascha Lobo deutlich. Wir wollen euch diese hier vorstellen:
Relevanzdiktat vs. Interessanzdiktat: Nur die wirklich relevanten Informationen finden in den traditionelle Medien Gehör (Relevanzdiktat). Im Social Web zählt aber eine andere Dimension: Die Vielzahl der Menschen bestimmt, was weitergetragen wird. Und das ist eben alles, was die User interessiert. Hier ist auch ein erster Fallstrick: Klassische Pressemitteilungen haben nichts im Social Web zu suchen! Wer eine erfolgreiche Social Media-Kommunikation führen will, redet über wirklich interessante Fakten auf Augenhöhe mit seinen Usern.
Zielinteressen statt Zielgruppen: Das Denkmodell Zielgruppe muss im Social Web ausgeweitet werden. Nicht sozio-demographische Fakten bestimmten die Zielgruppe, sondern deren Interessen. Wer interessiert sich für ein bestimmtes Thema? So tauschen sich beispielsweise alle Fans der Nassrasur auf einem eigens dafür eingerichteten Forum aus.
Charme statt Authentizität: Der persönliche Charme sollte die Leitlinie des eigenen Kommunizierens werden. Der Charme ist dabei eine Art Rückversicherung. D. h. auch Fehler werden charmanten Kommunikatoren eher verziehen. Authentizität ist eher unwichtig und wird oftmals überschätzt. Gerade im Social Web. In den Medien zählt letztlich die Wirkung. Wer will schon nur authentisch und gleichzeitig vollkommen uninteressant sein?
Gefühl der Gleichzeitigkeit: In dem Moment, in dem ich dabei bin, passiert etwas. Dieses Gefühl ist für Social Media essenziell. Das Echtzeit-Internet wie Twitter u. ä. ist stark im Kommen. Folglich sind klassische Freigabeschleifen ein absolutes K.O.-Kriterium im Social Web. Kommunikation findet jetzt in diesem Moment statt und die User erwarten eine schnelle Reaktion.
Beobachtende Teilnahme: In der Anfangsphase erweist es sich als sehr hilfreich, den Umgang mit Social Media über die beobachtende Teilnahme zu erlernen. Sehen Sie sich die unterschiedlichen Kanäle an, recherchieren Sie und lesen Sie, was die User interessiert. Suchen Sie nach Ihrer Marke. Schritt für Schritt können neue Anwender dann auch reagieren. Beobachten und Mitmachen sind somit die ersten Schritte im Social Web. Wichtig ist aber auch, dass sich jemand aus dem relevanten Entscheiderkreis (Pressesprecher, Geschäftsführer, Social Media-Verantwortlicher) diesem Bereich verpflichtet. So kann sie/er anfangs vorsichtig twittern, die Entwicklung beobachten und damit langsam ein Gefühl für Social Media-Aktivitäten entwickeln.
Transparenz und Offenheit: Diese Faktoren sind ebenfalls besonders wichtig bei Social Media. Dazu gehört aber auch, dass man offen und klar Grenzen zieht. Dies sollte aber immer mit einer Prise Charme (siehe Punkt 3) geschehen (z.B. “das können wir hier leider nicht besprechen:-)”). Viele große Unternehmen haben mittlerweile als Negativbeispiel herhalten müssen. So hat Ford seinen Fans verboten, Fotos ihrer Autos in allen Lebenslagen ins Netz zu stellen. Die Fans wurden dann wegen Copyright-Verstosses verklagt. Im Netz gilt: Schießen Sie nicht mit Kanonen auf Spatzen!
Vertrauen in die Community: Dieser Faktor wird oftmals vergessen. Vertrauen Sie der Community, vertrauen Sie Ihren Fans. Nur mit einer gesunden Dosis Vertrauen kann die Kommunikation gleichberechtigt und gut funktionieren.
Mitspielen nicht bespielen: Social Media muss als Dialog betrachtet werden. Man kann auch von einem „sozialen Spiel” sprechen. Anwender, egal ob Privatperson oder Unternehmen, sollten auf Augenhöhe mitspielen. Die Frage lautet: Reden wir mit unseren Freunden, Fans, Followern, oder stellen wir einfach nur Informationen ins Netz?
Gleichmut gegen Gegner: Im Social Web muss man sich von der kontrollierten Kommunikation verabschieden. Ein Dialog ist immer auch offen für negative Kommentare. Ob das konstruktive Kritik ist oder ungerechtfertigte Bösartigkeiten – man sollte für alles gewappnet sein. Wie reagiere ich aber richtig in diesen Fällen? Man muss schon im Vorfeld mit Gegenwind rechnen und idealerweise schon Strategien dazu vorab entwickeln. Ein „gesundes Verhältnis“ von guten und neutralen zu negativen Nachrichten/Kommentaren im Social Web liegt bei ca. 80:20. Wenn es dann zu negativen Kommentaren kommt, müssen diese im ersten Schritt analysiert werden (wer schreibt was) und dann wird über eine passende Reaktion entschieden. Mashable hat kürzlich einen guten Artikel dazu vorgestellt. Wichtig ist dabei: Man muss nicht auf jeden negativen Kommentar reagieren. Manchmal ist das sogar kontraproduktiv. Auch hier muss man frühzeitig das Gefühl für Social Media entwickeln.
Ausnutzen der Klaviatur: Die Vernetztheit der Social Media-Welt ist unumstößlich und wichtig. Ein einzelnes Projekt, welches lediglich über einen einzigen Kanal gefahren wird, steht schnell verloren im Netz. Deswegen sind Projekte sinnvoll, die ein optimales Zusammenspiel der großen Social Media-Klaviatur berücksichtigen und das Social Web in seiner Gesamtheit begreifen.
Wer diese Thesen bedenkt und mit einer gesunden Portion Mut an das Thema Social Media rangeht, wird schnell auch den Mehrwert für das eigene Unternehmen oder die eigene Marke erkennen. Wir wünschen allen viel Erfolg!